70 Jahre Politik & Engagement – Wolfgang Reuter

Text & Foto von Thomas Lemnitzer

Geboren wurde Wolfgang Reuter 1935 in Offenbach, mitten hinein in den Nationalsozialismus, dessen Ende er, ausgebombt zwar, in Offenbach überlebt. Erinnerungen an das erlebte und gesehene Grauen wischt er mit einer Handbewegung beiseite: „Das ist Geschichte, auch wenn sie nicht vergessen werden darf.“ Das sind Erfahrungen, die sicher die Nähe zu der unabhängigen sozialistischen Jugendbewegung Deutschlands förderten. Bei den Falken, deren erster Verbandskongress nach dem Krieg 1947 in Bad Homburg statt fand, wird er aktives Mitglied. Beim Zelten wird Demokratie geübt, im Lagerparlament heißt es diskutieren lernen, aber auch Meinungsvielfalt auszuhalten, ein spielerischer Umgang mit Politik in einer schwierigen Zeit. Der Besuch der Rudolf-Koch-Schule, deren Unterricht gemeinsam, wöchentlich wechselnd vormittags/nachmittags mit der Leibnitz-Schule stattfindet, endet abrupt 1950. Der Vater, bis dahin vermisst, wird als gefallen gemeldet. Von nun an gilt es auf eigenen Beinen über die Runden zu kommen. Eine kaufmännische Lehre sichert fürs Erste das Auskommen.

Der Politik bleibt Wolfgang Reuter treu. Er wird 1952 Vertreter im Stadtjugendring und 1956 Jugendsekretär der Falken Hessen Süd. Im selben Jahr tritt er der SPD bei, deren Parteisekretär und Bildungsreferent er in den Jahren 1961-76 im „Linken Bezirk“ in Frankfurt Hessen Süd sein wird. Ein Hauptaugenmerk ist ihm die Bildung, neuen Mitgliedern muss das Godesberger Programm nahegebracht werden, das eine Neuorientierung dar SPD festlegt, die Ostpolitik,  vielfach umstritten, gilt es darzustellen, zu verteidigen, und, und, und – es sind bewegte Zeiten. 

Heute bedauert er, dass es die politische Bildungsarbeit in diesem Umfang, vor allem im Jugendbereich, nicht mehr gibt. „Politische Bildung ist wichtig, besonders für die Jugend, nur so kann Demokratie verstanden und bewahrt werden“. 

Dafür beginnt er 1965 mit der Herausgabe einer Monatszeitschrift ‚Der Sozialdemokrat‘ in Anlehnung an die bedeutendste, international erschienene, deutschsprachige, sozialistisch-sozialdemokratische Zeitung von 1879 bis 1890. Als leitender Geschäftsführer der SPD ab 1970 in der Fischerfeldstraße in Frankfurt, in der sich noch heute die Zentrale der hessischen SPD befindet, ist er mitverantwortlich für den Wahlkampf in Hessen von Willy Brandt. Zur „Willywahl“ ist er des öfteren mit dem designierten Bundeskanzler unterwegs. „Da wurde ich schon mal beordert, Willy Brand im Zug zu begleiten, um ihn über Offenbach zu informieren, wo er dann in der Stadthalle eine Rede hielt“. Ein Porträt des Vorbildes hängt heute im Arbeitszimmer. 

1976 folgt er dem Ruf seiner Heimatstadt Offenbach.Als Dezernent für Soziales und Gesundheit unter dem damaligen OB Buckpesch  zieht er in den Magistrat der Stadt ein. „Für die Frankfurter hätte ich das nicht gemacht.“ Ab 1986 übernimmt er das Amt des Bürgermeisters und von 1988 bis 1994 ist er Oberbürgermeister von Offenbach. „Es war ein hartes aber immer faires Miteinander“, bescheinigt er gerne der damaligen CDU. 

Vieles wird in seiner aktiven Amtszeit auf die Wege gebracht: Der S-Bahn Anschluss nicht nur für Offenbach, sondern auch die Weiterführung in die südlichen Gemeinden und Ober-Roden. Die Umsetzung der Psychiatriereform am Städtischem Klinikum unter Ägide von Prof. Bauer aus Hannover. Städtepartnerschaften mit Orjol in Russland – ein wichtiger Beitrag zu Versöhnung, Rivas in Nicaragua und Kawagoe in Japan. Die Reise nach Japan vertieft die wirtschaftliche Zusammenarbeit.

15 Jahre wird er noch im Aufsichtsrat bei den Offenbacher Verkehrsbetrieben und der SOH arbeiten, dann zieht  sich Wolfgang Reuter aus der „offiziellen“ Arbeit zurück. Er leitet weiterhin die historische Kommission der Offenbacher SPD und ist Herausgeber der Roten Reihe.

„Die politische Arbeit hört nie auf.“ Und so ist er heute stellvertretender Vorsitzender im Seniorenrat, einem Parteien unabhängigen Gremium, das sich für die Belange ältere Mitbürger einsetzt. Dessen Ziel ist: „Alle Menschen sollen bis ins hohe Alter in ihrem vertrauten Umfeld leben können –  würdevoll, selbstbestimmt und frei von Sorgen und Not“. Also kämpft und streitet Wolfgang Reuter weiter für ein/e Seniorenbeauftragten beim Magistrat, bezahlbaren, altersgerechten Wohnraum, für öffentliche Toiletten, sichere Altenwege z.B. am Isenburgring Ecke Helene-Maier-Straße, wo Senioren und Schüler an einer unübersichtlichen Stelle auf den Verkehr treffen, Seniorenbänke, eine Koordinationsstelle für die Senioren-Arbeit und vieles mehr, was notwendig ist, um den Bedürfnissen von Senioren gerecht zu werden. 

Dem ehemaligen Sozialdezernenten brennen noch viele Probleme unter den Nägeln: Die Fortschreibung und Aktualisierung des Altenplans von 2003 (ist ja schon ein paar Jahre alt sic.) – eine Herzensangelegenheit. Die Treffen des Arbeitskreis Waldhof (Waldhofgespräche) jeden letzten Mittwoch im Monat zwischen 16.00 und 18.00 Uhr, wo sich immer 20-25 Waldhofer treffen, um über die Belange des Stadtteils und der Bewohner zu diskutieren, gilt es zu organisieren. Ebenso wie die Ü 90 Party am 11. und 12. April im Else-Hermann-Saal, Goerdelerstr. 1. „Es gibt immerhin 963 über Neunzigjährige in der Stadt und denen sollte doch die Möglichkeit gegeben werden zu feiern, auch wenn bei manchen ein Fahrdienst eingerichtet werden muss. Aber eine ältere Dame (ü90! sic.) kommt seit Jahren immer zu Fuß vom Mainufer, wo sie wohnt, auf die freue ich mich besonders. (….) Nicht jedem ist es vergönnt, so lange aktiv die Gesellschaft mitgestalten zukönnen, ich bin dankbar dafür.“

Den Kala Pattar (5643m) und den Kilimandscharo (5895m) hat Wolfgang Reuter vor ein paar Jahren besucht, heute fährt er nur noch zum Ski-Langlaufen – „Schlangenlinien“ ins Gomstal im Wallis. Auch wenn er es in diesem Jahr verschieben musste, um einem alten Genossen, Erich Herrmann, die letzte Ehre zu erweisen – auch das eine Herzensangelegenheit.

„Mit dem Erreichten bin ich nicht immer ganz zufrieden, deshalb mache ich auch weiter. Es gab Fehlschläge, aber die  gehören dazu, wie die Erfolge, auf die ich stolz bin“.

Sehr geehrter Herr Reuter, für das intensive und aufschlussreiche Gespräch, das hier gar nicht in Gänze wiedergegeben werden kann, sowie wie für Ihre Zeit und Geduld möchte ich mich herzlich bedanken. 

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