Für ältere Migranten – Anlaufstellen und Hilfen in Offenbach

von Meryem Tinç

Das Stadtteilbüro am Mathildenplatz ist von außen recht unscheinbar. Innen kommt man zum Büroraum, doch hinter der Spiegeltür, ganz diskret, befindet sich ein Raum mit Tischgruppe, Spielecke und Küche. Hier trifft sich Ali Karakale ca. alle zwei Wochen mit seiner Selbsthilfegruppe für Migranten. „Ich bin auch ein Teil der Gruppe und nicht der Moderator“, betont Karakale. Als Leiter des Migrationsbüros der AWO berät er zugewanderte Menschen und kennt deren Probleme. In einer vertrauten Umgebung können die Mitglieder der Selbsthilfegruppe offen über ihr Leben in Offenbach sprechen, über Alltagsprobleme oder ihre lang- und kurzfristige Lebensplanung. „Hier herrscht Schweigepflicht, nichts hiervon dringt nach außen“, erklärt Karakale. Die Vertrauensbasis sei grundlegend, damit die Leute offen sprechen könnten. Die eigene Souveränität zu bewahren, sei für die, die eingewandert sind, sei für die älteren Leute sehr wichtig. 

Melike versorgt sich selbst. Die 68-Jährige kam 1973 alleine als Gastarbeiterin in der Textilbranche nach Deutschland. Zunächst lebte sie in einer Art Wohnheim für Migranten. Die deutsche Sprache zu lernen, war da eher zweitrangig. Im Beruf musste sie nur die Anweisungen verstehen und später war sie nur unter Türken. Deswegen spricht sie auch heute nur gebrochen deutsch. Sie hat über zwanzig Jahre gearbeitet, geheiratet und fünf Kinder bekommen. Für sie war es eine Bereicherung nach Deutschland zukommen. „Ich mag es hier. In der Türkei herrschte damals viel Armut“. Wegen der Sprachbarrieren kommt sie zur Beratung von Karakale. Denn hier können sich ältere Leute Hilfe beim Papierkram holen, bei der alters- und behindertengerechten Wohnungssuche oder der Weiterleitung zu anderen Ämtern. Gesprochen wird hauptsächlich Türkisch. Auch Nermin* (Name geändert) sucht seit drei Jahren Hilfe bei Karakale. Vor zwölf Jahren kam die heute 63-Jährige nach Deutschland zu ihrem Mann, von dem sie inzwischen getrennt ist. Sie besucht den Deutschkurs im Stadtteilbüro und arbeitet als Putzkraft am Flughafen, aber sie sieht Deutschland nicht als ihre Heimat. „Ich habe niemanden hier, alle sind in der Türkei“. Für sie steht fest, dass sie zurückkehrt in die Türkei. Zurzeit versorgt sie sich selbst, aber willkommen fühlt sie sich nicht. 

„Viele fühlen sich auch nach 30 Jahren nicht willkommen“, so Karakale. Die Migranten die später, also nach der 1. Generation der Gastarbeiter in den 60ern, gekommen sind, wollen eher zurück. Die erste Generation habe hier oft sehr viel Familie. Doch zum Teil seien die Kinder der älteren Leute arbeitslos oder hätten keine finanziellen Mittel, sich um ihre Eltern zu kümmern. Dazu kommen unbezahlbare Mietpreise, keine adäquate Arbeit oder die Unübersichtlichkeit der vielen Angebote der Träger in Offenbach. „Altersarmut ist unter Migranten sehr hoch“, sagt Karakale. „Die Leute haben damals schwer gearbeitet, teilweise ganz ohne Sozialversicherungen oder ihr Gehalt in der Türkei investiert.“ Vor allem alleinstehende Frauen, die gar nicht oder nur schlecht deutsch sprechen, hätten es da schwer. Als Mitarbeiter der AWO verweist Karakale auf die Angebote seines eigenen Hauses, aber denjenigen, die gar kein Deutsch könnten, empfiehlt er den kulturspezifischen Pflegedienst „Dosteli“ in der Waldstraße. 

Dosteli bedeutet übersetzt ‚Hand des Freundes‘ und ist seit 2013 eine Anlaufstelle für ältere, vor allem türkischsprechende Offenbacher. In Berlin gegründet, hat man auch in hier den Bedarf an kulturspezifischer Pflege erkannt. Zusammen mit Sodaba Shamal, 30, leitet Ziynet Ergün, 48, den Pflegedienst in Offenbach. „In der Pflege gibt es zu den anderen Pflegediensten keinen Unterschied“, erklärt Ergün. „Die Kommunikation bei uns ist aber besser.“ Da von den 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Großteil türkisch spricht und auch die knapp 60 Klienten fast allesamt türkischsprachig sind, könne man genau auf die Bedürfnisse der Klienten eingehen. Außerdem richten sich die Pflegerinnen und Pfleger auch auf die religiösen Belange der Klienten ein. „Das heißt, dass wir manchmal schon um halb 6 morgens anfangen zu arbeiten, weil der Klient sich für das Morgengebet vorbereiten möchte. Im Sommer sogar noch früher“, erklärt Sodaba Shamal, die den medizinischen Teil von Dosteli leitet. Im Ramadan fasten einige Klienten. Es gab auch schon ein gemeinsames Fastenbrechen mit den Moscheen am Marktplatz. Da die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbst die Mentalität und Kultur ihrer Klienten kennen, fällt die Kommunikation leichter. 

„Die Kultur ist sehr familiär. Deswegen sehen uns unsere Klienten oft als ihre Kinder und wir sie als Tanten und Onkels“, so Ergün. „So wird dann auch gesprochen und gemeckert.“ Die Erwartungshaltung sei demnach auch höher. Vieles werde als selbstverständlich gesehen. Bei den zwei bis drei deutschen Klienten, die Dosteli betreut, sei das nicht so. „Die sind unkompliziert und respektieren Grenzen.“ Da man bei den Türken eher als Teil der Familie denn als Pflegekraft gesehen wird, sei keine richtige Distanz vorhanden. Den eigenen Kindern wollen die älteren Leute oft nicht zur Last fallen mit Papierkram, Einkäufen oder der Pflege. „Sobald der Pflegedienst da ist, kümmern sich die Kinder auch nicht so“, erzählt Ergün. „Viele wollen oder können aber nicht auf das Geld verzichten, das sie für ihre Eltern bekommen.“ Deswegen könnte der Pflegedienst weit mehr Klienten haben, wäre da nicht die finanzielle Hemmschwelle. 

Die Probleme, die vor allem ältere Migranten betrifft, kennt auch Karakale. „Einsamkeit, Krankheit, finanzielle Probleme, keinen, der sich um sie kümmert und Abhängigkeit von den Kindern, aufgrund der Sprachbarrieren“. Die Zurückhaltung vor Pflegeheimen sei groß, da viele ältere Leute ihre Eigenständigkeit nicht aufgeben wollen. „Aber wenn man Hilfe braucht, ist es egal, von wo sie kommt.“

Dosteli hat das Problem erkannt und plant ein eigenes Wohnheim, „wo die Leute sich nicht wie in einem Krankenhaus fühlen, sondern es gemütlich haben und unter Leuten sind, mit denen sie reden können“, sagt Ergün. In Berlin seien diese Wohnheime schon ein großer Erfolg. 

Ergün und Karakale sind sich einig: Der Bedarf an kultursensibler Pflege und Beratung ist groß. Der Bereich müsse sich mehr für Migranten öffnen.

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