Institution mit Offenbach DNA – Dr. Wolfgang Kappus

von Denise Freidank / Foto: lemnitzer-fotografie

Bis zu 50.000 Tonnen Seife pro Jahr, Produktion an drei deutschen Standorten, Vertrieb in über 80 Länder weltweit – seit 1848 produziert die Feinseifen- und Parfümeriefabrik Kappus in Offenbach. Heute ist der Familienbetrieb der größte westeuropäische Produzent von Festseifen. Wenn Geschäftsführer Dr. Wolfgang Kappus, Jahrgang 1933, aus seinem Leben erzählt, von seinen Erinnerungen an Offenbach – vor, während und nach dem Krieg –, von seinem 3 1/2jährigen Aufenthalt und Heirat in Kanada, der Rückkehr und seinem ersten und zweiten Studium, wenn er berichtet von der Ausbildung im Familienbetrieb, bei der er, damals noch kaufmännischer Angestellter, unter den strengen Augen des Vaters „von der Pike auf“ lernte, was es heißt, einen Betrieb zu leiten; kurz: wenn er schlicht ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudert – dann vergisst man die Zeit und möchte am liebsten nie mehr aufhören, ihm zuzuhören. Denn der Mann hat nicht nur unglaublich viel zu erzählen, er weiß auch ganz genau, wie man Geschichten verpackt. Ein Leben, so voll, so erfahrungs- wie facettenreich, eine Biographie, die den persönlichen Wandel im Spiegel von Zeit-, Familien- und Stadtgeschichte darstellt. Ein Offenbacher Leben:

Als Dr. Kappus geboren wurde, florierten in der heutigen Luisenstraße noch Leben wie Handel. Eine weit gesäumte, städtische Einkaufsstraße, basaltsteingepflastert, in der alles, was an täglichem Bedarf anfiel, in direkter Nachbarschaft erworben werden konnte. Komplettversorgung vor der Haustür sozusagen. Heute ist von den Stammbetrieben allein Elektro Jäger, an der Ecke Frankfurter Straße geblieben. Und natürlich das, was den Geburtsort von Wolfgang Kappus seit jeher untrennbar mit der wirtschaftlichen wie historischen Geschichte Offenbachs verknüpft: Die, dem Elternhaus angegliederte, Feinseifen- und Parfümeriefabrik Kappus. Im Jahre 1825 wanderte der Ururgroßvater in Offenbach ein. 1848 gründete er die Fabrik mit Sitz in der heutigen Luisenstraße – damals noch Baugrund auf grüner Wiese. Inzwischen wird der Betrieb in fünfter Generation von Familienhand geführt – derzeit bilden Wolfgang Kappus und Tochter Patricia Kappus-Becker die Leitung – und seine Verkaufszahlen können sich auch 2018 noch sehen lassen.

Seit den 1960er Jahren sitzt der inzwischen 84-jährige in der Firmenleitung. Was es heißt, Verantwortung zu übernehmen, lernte er früh. Mit drei Schwestern und einer Jugend zu Kriegszeiten blieb ihm wahrscheinlich auch nichts anderes übrig. „Wenn man seine Stadt hat brennen sehen, dann verändert das den Blick auf den Krieg und auch auf die Menschen – selbst dann, wenn man noch sehr jung ist“, sagt Kappus, der bei Kriegsende zwölf Jahre alt war und sich noch gut an Erlebnisse in seiner Kindheit, wie die Reichskristallnacht erinnert. In einer Stadt wie Offenbach  – immer auch Arbeiter- und Industriestadt – sei man seit jeher früh mit sozialen Fragen in Berührung gekommen. Die unterschiedliche Ausgangssituation zwischen Arbeiter- und Fabrikantenkindern wurde beispielsweise bereits in der Schule deutlich. Wohn- und Lebensverhältnisse von Schulkameraden und Freunden sprachen Bände. Der Krieg, als „großer Gleichmacher“ habe in seiner Vehemenz an Zerstörung dann Abgrenzungen verwischt, die Menschen in ihrer Not vereint, egal, wer sie waren und woher sie kamen. Ihren Charakter als facettenreiche Arbeiterstadt, in der Menschen verschiedenster Berufung und Herkunft weitestgehend friedlich miteinander leben, den habe sich Offenbach jedoch auch über den Wiederaufbau hinaus erhalten. 

Heute, 2018, blickt Dr. Wolfgang Kappus positiv in die städtische Zukunft: „Das Zusammenwachsen von Offenbach und Frankfurt ist gut und aus Sicht der Stadtplanung durchaus logisch durchdacht“. Man müsse sich auch keine Sorgen machen, dass die geschätzte „kleine Groß-, große Kleinstadt“ im Zuge dessen ihren spezifischen Charme verliere: „Wir werden niemals eine Banken-, niemals eine Universitätsstadt werden. Das ist auch gut so! Wir bleiben eine ruhige Arbeiterstadt, so wie wir es immer waren.“

In Kürze wird das, was Wolfgang Kappus‘ Elternhaus war und das, was er in und an der Fabrik zwischen Luisen- und Ludwigstraße mit eigenen Händen errichtet hat, der Bebauung mit neuem Wohnraum weichen. Wegen zunehmender Schwierigkeiten der Be- und Ablieferung, Gründen der Wirtschaftlichkeit und einem unschlagbaren Angebot des Investors Kondor Wessels hat das Familienunternehmen seine historische Entstehungsstätte bereits 2016 geräumt – „eine Kopfentscheidung“, die, so Kappus, bei aller Vernunft natürlich schmerze. Ein (weiteres) Denkmal industrieller Stadtgeschichte, verschwindet also. Der traditionelle Seifenfabrikant Kappus jedoch, der bleibt Offenbach weiterhin erhalten. Die „Offenbach-DNA“ sei schließlich tief verwurzelt, lacht Wolfgang Kappus, der einfach inklusive der vollen Belegschaft nach Bieber-Waldhof umgesiedelt ist und der Zerstörung des alten Standorts, das unleugbare Potential des neuen gegenüberstellt: „Wir hätten nicht zugestimmt, wenn wir von dem Konzept nicht überzeugt gewesen wären – Offenbach tut der entstehende Wohnraum definitiv gut und unser Neuanfang liegt jetzt hier, in Waldhof.“ 

Dem, am alten Standort entstehenden Wohnviertel hat die Familie zumindest ihren historienträchtigen Namen hinterlassen: Die ‚Kappushöfe‘ sollen ab 2020 mit über 25.000 Quadratmetern Wohnfläche für neuen Flair im Westend sorgen. Eigentums- und Mietwohnungen, von denen ein Teil sozial gefördert wird, bieten Platz für über 700 neue Bewohner; Grünfläche vorm Haus und Kinderspielplatz inklusive. Wolfgang Kappus und Tochter Patricia Kappus-Becker machen inzwischen auf dem weitläufigen Areal in der Carl-Legien-Straße in Waldhof weiter das, was sie am besten können: qualitativ hochwertige Seife produzieren. Es bleibt zu hoffen, dass sie Offenbach auch weiterhin die Treue halten. Nicht allein wegen der Belegschaft, sondern auch, weil die Familienbiographie Kappus zugleich Stadt- und Zeitgeschichte erzählt. Einmal, so schmunzelt Kappus, habe seine Enkelin ihm ein Buch zu Weihnachten geschenkt. Leer sei es gewesen, auf jeder Seite bloß eine Frage, dazu viele leere Schreiblinien für die persönliche Antwort. Der Titel: „Opa, erzähl mal…“. Ginge dieses Werk eines Tages tatsächlich in Druck, stellte die Umsiedlung der Kappus GmbH nach Waldhof wohl lediglich den Wechsel zwischen einzelnen Kapiteln dar – keineswegs jedoch das Ende des Buches! Mehr solcher eindrucksvollen Geschichte(n) aus dem Hause Kappus sind durchaus wünschenswert – aus Offenbacher Perspektive vielleicht sogar eine unendliche…

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