Keine Zeit zum alt werden – Gustav Wendel

von Angelika Amborn-Morgenstern

87? Respekt! Der Mann dahinten ganz in Rot umringt von Sportstudentinnen und -studenten voller Elan könnte locker als Endvierziger durchgehen – von weitem zumindest. „Der hat keine Zeit zum Altwerden“ erklärt mir die Frau an der Kasse. „Einfach unverwüstlich,“ meint der junge Mann, ein ehemaliger Wendel-Schüler, „die gleichen Bewegungen, die gleiche Power, der gleiche Enthusiasmus, sicher auch noch die selben Sprüche und Stories wie damals: Die vom Sprung aus dem Hubschrauber ins Wasser 20m tiefer. Und dann die von seinen Rettungsmanövern und Tauchaktionen im Auftrag der Kripo. Die Pistole, die er herausholte, war noch das harmloseste. Da gab es ganz andere Funde, besonders an der Schleuse. Eine Horrorvorstellung für uns Teenies. ‚Einer muss es ja machen‘ hat er dann gesagt. Zivilcourage pur!“ „Ein Held also?“, frage ich. Er schüttelt den Kopf. „Kein Idol wie es der Schwimmstar Michael Groß für uns war, der mehrfache Olympiasieger. Gustav Wendel war für uns eher ein Original, eine ganz besondere Persönlichkeit außerhalb der Norm. Seine Andersartigkeit war es, die uns imponiert hat, uns Zwölfjährigen.“ „Als seine Fangruppe“, frage ich provokativ, „habt ihr dann all seine harten Anforderungen ertragen?“ „Fans ist etwas übertrieben“, entgegnet er, „aber wir waren hochmotiviert. Wir sind für ihn locker am Stück durchs ganze Becken getaucht und haben uns all die Abschlepp- und Befreiungsgriffe hereingezogen.“ „Wie nachhaltig war denn sein Vorbild und das, was er euch beigebracht hat?“ möchte ich wissen. „Ein paar von uns, wie meine Geschwister und ich sind damals dabei geblieben, haben auf den bronzenen DLRG-Schein noch den silbernen gesetzt und durften uns dann mit Badeaufsicht und sogar mit Schwimmunterricht etwas dazuverdienen. Und was er uns beigebracht hat, sitzt noch. Davon konnte ich mich im letzten Urlaub überzeugen, als meine Schwägerin mitten auf dem See schlapp machte. Und zum Vorbild: Fit bleiben bis ins hohe Alter, dieses Motto lebt er uns vor, damals wie heute.“ Auch die Schwimmerin, die bei Herrn Wendel ihren DLRG-Auffrischungskurs gemacht hat, meint: „Beachtlich seine Kraft, der starke Druck seiner Hände, wenn er uns Befreiungsgriffe bei Ertrinkenden demonstriert. Aber genau mit dieser Grobheit von unserem Gegenüber müssen wir ja beim Retten rechnen. Ein paarmal habe ich das selbst erlebt, im Meer und hier im Schwimmbad.“

Auch die Schwimmerin, die Herrn Wendel seit Jahrzehnten beobachtet, ist von ihm fasziniert: „Von seiner Schneidigkeit und seinem Elan hat er nichts verloren. Unglaublich, wie er mit kraftvoll elegantem Schwung eine Sportstudentin, 65 Jahre jünger als er, aus dem Wasser zieht! Ein Phänomen, wie er seine Kurse leitet, immer fröhlich, topfit und souverän. 20 bis 30 Leute zweimal pro Woche bei brütender Hitze unter freiem Himmel oder wie jetzt in der Halle. Wie schafft er das bloß?“ 

Fragen wir doch ihn selbst. „Herr Wendel, wer Sie kennt, hat Respekt vor Ihrem Elan und von der Professionalität Ihrer Kurse. Wie schaffen Sie das? Und nicht nur das, sondern – wie ich gehört habe – auch noch all das Drum und Dran, das sie als Bezirksleiter und technischer Leiter der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft Offenbach organisieren müssen?“ „Bis vor zwei Jahren“, meint er, „sind wir immer im Team aufgetreten, meine Frau Betti und ich. Wir kennen uns seit der ersten Klasse, haben einen Sohn, zwei Enkelinnen und einen Urenkel und haben das, was wir vom DLRG anbieten, gemeinsam aufgebaut. Sie hat mich als Kindergärtnerin, Jugendleiterin und DLRG-Geprüfte immer unterstützt und als Frauenwartin im Vorstand des Landesverbands der DLRG-Hessen ihren Beitrag geleistet. Aus gesundheitlichen Gründen kann sie das jetzt leider nicht mehr, aber da ist noch mein Sohn, der mir hilft.“ „Herr Wendel, Wasser ist Ihr Element, nicht ein Opfer des Wassers zu werden Ihre Lebensaufgabe. Hatten Sie irgendwann einmal ein Schlüsselerlebnis, das Sie in diese Richtung geführt hat?“ „Ja, mit drei Jahren, als ich mit meinem älteren Bruder samt Fahrrad in den Main fiel. Er rettete das Rad und brüllte mir zu, ich soll wie ein Hund paddeln. Das hat mich zu einer Wasserratte gemacht. Wir hatten das Wasser damals direkt vor der Haustür, in der Wintersaison im Alten Stadtbad in der Herrnstraße gegenüber wo heute das Arabella Hotel ist und im Sommer ein paar Meter weiter im Strandbad Flugel an der Mainbrücke. Mit zehn bin ich dann in den DLRG eingetreten, habe meinen Grund- und Leistungsschein gemacht und bin mit vierzehn DLRG-Jugendleiter in Stockstadt geworden.“ „Und dreizehn Jahre später“, ergänze ich, „habe ich Sie dann kennen gelernt. Nicht etwa am Beckenrand sondern hinter der Theke in der Metzgerei in der Herrnstraße am Schwimmbad. Als ich vergeblich auf die obligatorische Wurstscheibe gewartet habe, soll ich aus Enttäuschung darüber mit meinen zwei Jahren gesagt haben: ‚Der Metzger hat nicht gemerkt, dass ich ein Kind bin.‘ Der Metzger damals waren Sie.  Vom Metzgermeister zum Schwimmmeister! Eine ziemlich extreme Kehrtwende.“ 

„Das war eine gute Entscheidung“, meint er. „Auf meinen DLRG-Leistungsschein, den ich seit 1947 hatte, wollte ich noch was obendrauf setzen. Also habe ich zuerst meinen Schwimmmeister gemacht, dann 1967 den DLRG-Lehrschein zum Ausbilder und danach noch den Rettungstaucher. 35 war ich damals. Danach habe ich dann noch den Bootsführerschein beim DLRG und beim DMYV, dem Deutschen Motoryachtverband gemacht, wo ich bis 2005 als Prüfer tätig war. Die ersten Jahre habe ich noch ein Doppelleben geführt, als Metzger- und als Schwimmmeister. Dann bekam ich dann von der Stadt eine Stelle als Bademeister und wurde 1968 Vorsitzender der DLRG Offenbach, Bezirksleiter und technischer Leiter, was ich noch immer bin.“ 

„Welche Bereiche fallen in Ihr Ressort?“, frage ich interessiert. „‚Aufpassen und Vorbeugen‘, so lautet ja die Devise der DLRG, mit Argusaugen hinschauen, wie der Adler auf Ihrer Fahne.“ „Zu unseren Aufgaben gehören die Badeaufsicht im Schwimmbad und im See und die Überwachung der Regatten von unserer Rettungsstation aus neben dem ORV (Offenbacher Ruderverein) gegenüber vom Schloss, wo unsere Boote liegen.  Unser Revier ist der Main von der Rumpenheimer Schleuse bis zur Schleuse an der Gerbermühle. Wir bieten das Rettungsschwimmen an vom Grund- bis zum Lehrschein, die Ausbildung für Taucher und Lehrgänge für den Bootsführerschein und die Schwimmausbildung vom Seepferdchenabzeichen bis zum Jugendschwimmpass. 40 Jahre haben meine Frau und ich die Schwimmkurse geleitet. Damals haben wir auch das Schul- und Behindertenschwimmen eingeführt. Die Einrichtung von Wassergymnastikkursen für Senioren, die Ski- und Wassergymnastikkurse für Gesunde und Menschen mit Behinderung und die Wasserbetreuung für krebskranke Frauen waren in erster Linie eine Initiative meiner Frau.“ „Eine ganze Menge“, stelle ich voller Respekt fest. „50 Jahre am, im und auf dem Wasser aktiv, da haben Sie ja so einiges erlebt. Welche Episoden fallen Ihnen spontan ein?“ Herr Wendel überlegt. „Unser Nikolausschwimmen. Vor dem Bootshaus Hellas ging es raus in den Main und dann Richtung Fechenheim angeführt vom Nikolaus mit Mütze auf Wasserskiern. Und dann die Tauchaktionen vom Hubschrauber aus. Was wir schon alles rausgeholt haben, Schmuck, den ein Einbrecher auf der Flucht im Main versenkt hat, oder in den siebziger Jahren die jungen Leute, die immer wieder am Tanzschiff verunglückt sind und dann das Auto mit den beiden jungen Mädchen vor ein paar Jahren.“ 

„Kein Wunder“, meine ich „dass Sie in der Presse als ‚DLRG Legende‘ und als ‚Offenbacher James Bond‘ tituliert und vom Ruderverein Undine zum „Mister Main“ gekürt wurden. Aber neben diesen witzigen Ehrentiteln haben Sie ja noch hoch offizielle Auszeichnungen erhalten.“ 

„Ja, die Liste ist lang: Für unsere langjährige Mitgliedschaft bei der DLRG-Bezirk Offenbach gab es natürlich regelmäßige Ehrungen, auch für die jahrelange- oder jahrzehntelange Anwesenheit bei den Regatten der Rudervereine und beim Drachenbootrennen, bei Spielfesten oder sonstigen Veranstaltungen bekamen wir Urkunden. Die DLRG-Bezirk Offenbach hat unsere Verdienste mit Bronze, Silber und Gold gewürdigt, der Magistrat der Stadt überreichte uns die bronzene Bürgermedaillie und das  Land Hessen den Ehrenbrief für meine Frau und mich. Vor sieben Jahren gab es dann vom Land Hessen den Hessische Verdienstorden am Bande, einen für meine Frau und einen für mich.“ 

„In einem Interview mit dem Magazin „Respekt“ haben sie nach der Preisverleihung gesagt ‚Unser größter Lohn ist die Achtung und der Respekt, der uns von allen Seiten entgegengebracht wird.‘“ „Ja“, meint Herr Wendel. „Uns geht’s um die Menschen, wir haben ein offenes Herz.“ „Haben Sie schon einmal“, frage ich neugierig, „ans Aufhören gedacht, an eine Ablösung?“ „Jemanden zu finden, dem man vertrauen kann“, meint er, „ist nicht so einfach, wir hatten mal einen im Auge, aber der ist mit samt Kasse abgehauen. Also mache ich weiter. Ich habe ja schon reduziert. Früher war ich jeden Tag im Schwimmbad, jetzt nur noch zweimal in der Woche.“ 

„Der Reporterin von „Respekt“ haben Sie damals auf die gleiche Frage geantwortet ‚So lange ich kann, möchte ich aktiv an der Gesellschaft mitwirken.‘ Dieser Vorsatz also ist Ihr Geheimrezept gegen das Altwerden. Die Schwimmkollegin an der Kasse hatte recht. Sie haben einfach keine Zeit zum Altwerden!“

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