Portrait

Portrait einer fast 100-jährigen
von Christina Ciampa / Foto: Nicolas Carbenay
 
Elisabeth Paula Bruckart wurde am 16. Oktober 1918, knapp einen Monat vor dem Ende des Ersten Weltkrieges, in Fulda geboren. Ihr Vater, eines von 10 Geschwistern und ein „sehr intelligenter Mann“, konnte aufgrund mangelnder finanzieller Mittel nicht studieren, war aber ein geachteter Geschäftsmann, die Familie bekannt in der Stadt. „Ich war ein Papakind …. oft bin ich abgerückt ins Café Thiele*, dort wussten alle, wohin ich gehöre“, erzählt die rüstige Seniorin, die von jeher Lisl gerufen wird.   
Einige ihrer Jugendjahre verbrachte Lisl in einem Mädchenpensionat in Bayern. Bei den Franziskanerinnen herrschten strenge Regeln, doch sie hat gute Erinnerungen an die Zeit bei den Nonnen. Nach einer Lehre als Reiseverkehrskauffrau und einer Anstellung in Frankfurt kehrte die junge Frau nach Fulda zurück. Mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen im September 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus. Lisl war 23, als sie in ihrer Heimatstadt ihren künftigen Mann kennenlernte, einen Wehrmachtssoldaten. Nach der Heirat im Dezember 1941 folgte sie ihm nach Ostpreußen, wo neun Monate später Tochter Ulla zur Welt kam. 
 
Auf der Flucht
Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Ostpreußen von der Roten Armee erobert. Die nationalsozialistische Gauleitung unter Erich Koch unterließ die rechtzeitige Evakuierung der Bevölkerung. Im Januar 1945 begaben sich Millionen Zivilisten in letzter Minute ungeordnet auf die Flucht Richtung Westen, unter ihnen Lisl mit Kleinkind und Schwiegermutter. Sie schlugen sich unter Strapazen durch und hatten Glück: Nach drei Wochen und über 1.000 Kilometern – zurückgelegt per Zug, Schiff ab dem Hafen Pillau, per LKW und zu Fuß – gelangten sie unversehrt nach Fulda. Die Stadt war nicht wiederzuerkennen – zu einem Drittel zerstört, viele Bewohner im Bombenhagel gestorben. Von der ehemals großen jüdischen Gemeinde war nichts mehr übrig. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, war von den Nazis mit Todeszügen in den Osten deportiert worden. Am Osterwochenende 1945 eroberten die Amerikaner die Stadt, am 08. Mai 1945 war der verheerende Krieg nach fast sechs Jahren offiziell zu Ende.  
 
Alleinerziehend in den Fünfzigern
Lisls Schwiegervater, ein Justizvollzugsbeamter, wurde 1948 nach Frankfurt versetzt. Die junge Familie folgte nach und ließ sich in Offenbach nieder, Tochter Ingrid wurde geboren. Doch die Ehe war unglücklich, in den Fünfzigern kam es zur Trennung. „Ich habe ihn fortgeschickt“, sagt Lisl lakonisch. Als alleinerziehende Mutter musste sie Arbeit finden, um sich und ihre beiden Kinder durchzubringen. Sie fragte bei der Firma Fredenhagen an, die sich nach dem Krieg auf die Herstellung von Transportanlagen spezialisiert hatten. Die tatkräftige Bewerberin überzeugte und wurde eingestellt, zuerst befristet als Kontoristin. In dieser Rolle brachte Lisl „die gesamte Korrespondenz auf Vordermann“. Sie wurde daraufhin übernommen und war insgesamt 25 Jahre, bis 1980, für das Unternehmen tätig. „Jeden Morgen um fünf bin ich von Tempelsee in die Sprendlinger Landstraße gelaufen. Meine Töchter waren tagsüber bei der Oma, abends um halb sechs kam ich nach Hause.“
Leidenschaft, Lebenskraft und ein starker Wille 
Im Ruhestand kehrte Lisl nach Fulda zurück, wo sie bis vor sechs Jahren selbstständig lebte. Tochter Ingrid holte ihre Mutter im Alter von 94 zurück nach Offenbach, zu sich nachhause. „Ein Altersheim kommt nicht in Frage. Dazu ist sie viel zu fit, außerdem koche ich täglich frisch für uns, das ist sehr wichtig für die Gesundheit“, erzählt Ingrid und macht dabei einen ebenso resoluten, bodenständigen Eindruck wie ihre Mutter. 
An drei Tagen in der Woche besucht die Seniorin eine Tagesstätte in der Grenzstraße. Man brauche ja auch mal Abstand voneinander, darüber sind sich Mutter und Tochter einig. Lisl gefällt es dort gut, die Betreuer sind aufmerksam. Am Anfang war es schwierig, denn sie fand niemanden zum Reden. „Viele dort haben ihre fünf Sinne nicht mehr beisammen“, klagt sie. Zwischenzeitlich hat sie Besucher kennengelernt, die geistig noch ebenso auf der Höhe sind wie sie selbst. Sie kommt mit allen gut aus, nimmt kein Blatt vor den Mund, bleibt aber immer höflich. „Wenn man sich anständig aufführt, wird man auch anständig behandelt“, so ihr Motto. 
Das passt perfekt zu Holger Jungs Lebensphilosophie. Der passionierte Boxer ist Mitinhaber des Reha- und Gesundheitszentrums THERANEUM im KOMM. Lisl und er haben sich auf einer Gesundheitsmesse in der Stadthalle kennengelernt. Seitdem trainiert sie einmal die Woche unter seiner behutsamen Anleitung an den Kraftgeräten und auf dem Fahrrad. Die beiden sind erkennbar ein Herz und eine Seele. „Lisl ist außergewöhnlich, nicht nur im Hinblick auf ihr hohes Alter: Sie hat Leidenschaft, Lebenskraft, einen starken Willen, Disziplin und eine hohe Kommunikationsfähigkeit“ betont Jung und fügt lächelnd hinzu: „Sie ist meine einzige Perle.“
Neben ihrer sportlichen Betätigung liest Lisl sehr gerne und schaut fern, insbesondere historische Themen interessieren sie. Zusammen mit Tochter Ingrid ist sie viel unterwegs, in der Stadt unter Leuten oder auf Reisen, um die verstreute Verwandtschaft zu besuchen. Sie hat zwei Enkel, vier Urenkel und vor kurzem wurde ihr erster Ururenkel Luca geboren. Und alle werden sich am 16. Oktober einfinden, um gemeinsam ihren 100. Geburtstag zu feiern.  
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