Tabuzone Tod? Sterbebegleitung Herausforderung und Chance

von Denise Freidank

„Der Tod macht uns alle gleich“ lautet ein, auf Grabsteinen und Gedenktafeln gern verwendetes, Sprichwort. Selbst wenn das tatsächlich so sein sollte, so gilt es für den Weg zum Tode, das Sterben, keineswegs. So unterschiedlich sich der jeweilige Pfad zur Ewigen Ruh auch gestalten mag – der Gedanke an diese letzten Monate, Wochen, Tage vor dem Sterben bereitet in der Regel erst einmal beklemmende Gefühle. Muss man sich aber gezwungenermaßen mit ihm beschäftigen, sind da dann plötzlich viele Gedanken und Gefühle. Dinge, die es zu klären gilt, zu hinterlegen, festzuhalten. Juristisch, religiös, aber vor allem natürlich emotional. Fragen, die man den Angehörigen – sofern man diese sein Eigen nennt – vielleicht nicht stellen möchte. Fragen der Angehörigen selbst, die keine Ahnung haben, wem sie sie stellen, an wen sie sich wenden können – das schlichte Bedürfnis, zu reden. Nicht allein zu sein. Einen stützenden Anlaufpunkt zu haben, in einer Lebensphase, die psychisch wie physisch zehrend sein kann und so hochgradig individuell verläuft, dass jedes Aufstellen allgemeingültiger Regularität ins Leere läuft.

Georg Sawas und seine Kollegen vom Ökumenischen Hospizverein Offenbach haben es sich zur Aufgabe gemacht, genau diesem Bedürfnis Abhilfe zu verschaffen. Ehrenamtlich begleiten sie Sterbende und deren Angehörige auf dem Weg zum Tod. Der Verein wurde 1998 gegründet und orientiert sich an Leitlinien der beiden christlichen Kirchen. Sein Beratungs- und Begleitangebot richtet sich jedoch ausdrücklich an alle Menschen, unabhängig von Herkunft, Glaubensrichtung oder Weltanschauung. Auch die finanzielle Situation der Klienten spielt keine Rolle. Es geht darum, Menschen nicht alleine zu lassen, egal, ob es um Trauer, Ängste, Krankheit oder Einsamkeit geht – die Frage ist also nicht das Warum, sondern das Wie. Dieses „Wie“ beinhaltet für alle Beteiligten weitaus mehr, als das schlichte „da sein“ der freiwilligen Begleiter. Schließlich dringen sie, als zunächst völlig fremde Personen in hochgradig intime Bereiche ein, erbitten sich Vertrauen und Offenheit von Menschen, die mit Krankheit, Not oder vielleicht auch schlichter Resignation zu kämpfen haben, versprechen Unterstützung, ohne im Vorfeld zu wissen, wie genau dieses, aussehen kann. „Eine Gradwanderung“, sagt Sawas, der seine Zertifizierung zum anerkannten Hospizbegleiter 2017 erlangte. Zehn Monate hat er dafür in Pflegeheim und Krankenhaus verbracht, den Ambulanten Pflegedienst begleitet, viel Fachliteratur gewälzt und sich in unzähligen Gruppensitzungen theoretisch mit den Themen Tod, Trauerarbeit, Krankheit und Hospiz auseinandergesetzt. 170 Stunden, oft auch am Wochenende – Zeit, um vor allem die psychische und emotionale Belastung, die auf einen zukommt, möglichst professionell händeln zu lernen. Da aber natürlich jeder Klient seine eigene Geschichte hat, bleibt die Umsetzung des angereicherten Wissens trotzdem stets sehr individuell – ein Patentrezept gibt es nicht! Ist der Begleitende stark emotional involviert, kann das die Beziehung zum Klienten ebenso negativ beeinflussen, wie eine zu starke Verkopfung. 

Um den Bedarf möglichst breitflächig abzudecken, arbeitet die Ökumenische Hospizbewegung Offenbach e.V. eng vernetzt mit stationären Hospizangeboten und qualifizierten Fachkräften aus den Bereichen Palliative Care, Sozialpädagogik und Trauerbegleitung zusammen. Die Gruppe, in und mit der Georg Sawas seine Ausbildung zum Hospizhelfer absolviert hat, war ebenso bunt gemischt, wie die der Klienten: Biographie, Alter, Herkunft, alles hochgradig verschieden – mit einer Ausnahme: Hospizbegleitung liegt – wie viele sozial geprägte Berufsfelder – fast ausschließlich in Frauenhand! Sawas, als einziger Mann der Gruppe, findet das schade: „Männer tabuisieren das Thema Tod offenbar wesentlich mehr, als Frauen dies tun! Vielleicht, weil die eigene Angst zu groß ist, weil sie dann gezwungen sind, sich mit der Realität der eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen. Vielleicht…“

Warum macht man sowas? Warum engagiert man sich ausgerechnet in diesem Bereich, den die meisten Menschen so lange von sich schieben, wie es nur geht? Georg Sawas hat sich ganz bewusst für seinen Einsatz entschieden. Sein ganzes Berufsleben hat er im Jugendamt Offenbach verbracht. Das Gespür für soziale Belange, die Kraft des Zuhörens, ist ihm also vertraut. Der Brückenschlag des Fixpunktes von jung zu alt scheint für ihn deshalb auch nur logisch: „Hier wie da geht es in erster Linie um Empathie, um Zuhören und ein Sich-einlassen auf das, was vom Gegenüber kommt! In beiden Fällen heißt das Zauberwort „Beziehungsarbeit“.“ Anders, als im Jugendbereich oder bei seinem 20-jährigen Engagement als gesetzlicher Betreuer gehe es in der Hospizarbeit vor allem darum, die eigene Person gänzlich zurückzustellen und sich voll und ganz auf die Perspektive, die Bedürfnisse, die Entscheidung des Klienten einzulassen, „seinen ganz persönlichen Weg mitzugehen“ eben. Natürlich spielt hier auch das eigene Alter eine Rolle. Georg Sawas ist 68 Jahre alt – kein Alter, in dem es um den Tod geht, aber eines, in dem man „durchaus mal den einen oder anderen Gedanken an das große „was, wenn…?“ verliert“. Der Entschluss zu einer direkten, gewollten und möglichst unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem Thema hat Sawas schnell zur Ökumenischen Hospizbewegung geführt. Bereut hat er es nicht: „Wenn man sich mit der Isolation und dem Leid der Menschen beschäftigt, die das Altern – vor allem in städtischen Gebieten – oft bestimmen, wird man schnell sehr demütig! Das eigene Leben, der eigene Alltag, über den man sich so oft beschwert, erscheint dann plötzlich in einem ganz anderen Licht!“ Es gehe darum, dass Thema Tod aus der Tabuzone zu holen, die Menschen dafür zu sensibilisieren. Nicht wegzuschauen, sondern diesem Thema, das uns alle betrifft, die nötige Würde zuzusprechen. Gerade im städtischen Bereich, wo Isolation und Abgrenzung Programm seien. Dass die Menschen aufhören, so zu tut, als gehe sie das alles nichts an, als beträfe es sie nicht, genau das wünscht sich Sawas.

Vor Kurzem hat er die Beerdigung seines ersten Klienten, seiner ersten Sterbebegleitung besucht. Eine Herausforderung sei es gewesen. Gleichzeitig aber auch ein gutes Gefühl. Ein viertel Jahr hat er den Mann begleitet, vom ersten Besuch im ehelichen Wohnzimmer bis zum Abschied auf dem Friedhof – ein Kreis, der sich schließt. Bei allen persönlichen Emotionen, derer sich natürlich auch ein professioneller Hospizbegleiter nicht gänzlich entziehen kann: „Was bleibt, ist ein unbestimmtes Gefühl der Zufriedenheit.“ Egal, wie viele Menschen Georg Sawas in Zukunft noch auf diesem, ihrem ganz persönlichen letzten Weg begleiten wird, eins weiß er jetzt schon: Diese erste Begleitung, die wird er niemals vergessen. Die wird er auf ewig mit sich tragen.aa

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